Pullover mit Hirschen
AUTONOM · Kapitel 14 · Polen · 51°06’N 16°59’E
Der Bahnhof
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Wir betraten den Laden. Chinesische Klamotten, Artikel für Kleingärtner, Friedhofskerzen.
Ich ging zur Verkäuferin und öffnete meine Jacke. Stone Island. Original. Ein Modell, das so viel kostet wie die Hälfte dieses Ladens.
— Vielleicht braucht jemand einen originalen Stone Island?
Die Verkäuferin sah die Jacke misstrauisch an. Dann mich. Dann wieder die Jacke.
— Da ist ja Blut drauf.
— Das ist ein Bonus, — antwortete ich munter.
Sie rief ihren Sohn an. Ein kurzes Gespräch auf Polnisch, von dem ich alles verstand, während sie dachte, ich verstehe nichts. Dreihundert Zloty.
Ich zog die Jacke aus und legte sie auf die Theke.
— Wir schauen uns hier ein bisschen um.
Ich ging zu einer Girlande aus Kleidungsstücken, die an Kleiderbügeln hingen. Den schwarzen Rollkragenpullover hier werde ich wohl nehmen. Praktisch, unauffällig, sie verlangen nicht viel.
Aber meine Schwester stand mit offenem Mund da und starrte an die Wand. Dort, zwischen dem restlichen schwarzen Zeug, hing etwas Helles, Kosmisches, Anziehendes. Ein weißer Pullover mit Rentieren.
— Gibt es den zweimal? Was kostet er? — fragte sie die Verkäuferin.
— Zweihundert Zloty, — antwortete diese neutral.
Die Kleine packte mich am Ärmel – jetzt ohne Jacke – und begann zu ziehen:
— Liza, bitte! Lass uns den kaufen! Ich hatte noch nie einen Pullover mit Rentier! Wir sind Zwillinge – wir müssen schön sein!
— Schön? Ist das irgendein Meme? — Ich drehte mich zur Verkäuferin um. — Was kostet ein Ticket nach Warschau?
— Na, so fünfzig Zloty. Ungefähr. Hundert reichen Ihnen.
Ich sah zur Kamera in der Ecke des Ladens. Ich sah meine Schwester an. Bei aller Wahlfreiheit gab es keine andere Alternative.
— Okay.
Meine Schwester schnappte sich zwei Pullover, nahm sie in den Arm und zog ihren eigenen an.
Die Verkäuferin nahm die Jacke von der Theke und verstaute sie irgendwo hinter einem Regal. Ich gab ihr dreihundert Zloty und bekam hundert Wechselgeld zurück. Rechnung: Jacke dreihundert, Pullover zweihundert, Wechselgeld hundert. Hundert übrig für die Tickets.
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Meine Schwester drehte sich vor dem Spiegel.
— Liza, schau! Schau, wie toll das ist!
— Wenn du dich schon blamierst, hör auf niemanden und zieh es durch, — verkündete ich.
Ich zeigte auf die Kamera, die in der Ecke hing und uns direkt in die Augen sah.
— Aber sieh: Wo ist dein Programm? Wo ist unser Cash? Wo ist das Bargeld? Wo ist die Überweisung? Los. Zum Bahnsteig.
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Schmutzige, verbrannte Stiefel. Zerrissene Hosen. Schneeweiße Pullover. Die Rentierköpfe schauten in verschiedene Richtungen – als wollten sie sagen, dass sie nicht mit uns sind.
Meine Schwester strahlte.
Die Leute sahen die seltsamen Schönheiten, die nicht dem Wetter entsprechend gekleidet waren, missbilligend an. Auf dem Bahnsteig war es leer und kalt. Diese Art von Kälte, bei der die Nasenlöcher verkleben und man alles zur Hölle wünschen möchte. Alle um uns herum waren eingemummelt – Daunenjacken, Schals, Mützen, diese ganze Winterpanzerung. Aber wir standen in Pullovern mit Rentieren da, und es war uns egal.
Ich rauchte. Meine Schwester sah sich interessiert um.
Er kam in einer Daunenjacke, die zwei Nummern zu groß war. Freundliche Augen, unrasiertes Kinn, Hände in den Taschen. Einer von diesen Typen, die drei Tage Mut sammeln, um “Hallo” zu sagen. Und heute war dieser Moment gekommen.
— Hello! You here… alone?
— Isn’t it rather obvious there are two of us?
Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Genauer gesagt, er war aus der Ruhe gebracht, aber er machte weiter – und das verdiente Respekt.
— I can… What is your… how you name?
— Lisa.
Wir sagten es gleichzeitig. Mit einer Stimme. Derselbe Tonfall, dieselbe Tonhöhe, derselbe Punkt am Ende. Er blinzelte. Dann lächelte er. Er dachte, wir hätten es geprobt.
— Very very… My name Max. Like wolf, da? You like, you and me, and… wie heißt das, verdammt…
Er verlor den Faden, öffnete den Reißverschluss seiner Daunenjacke und begann, sie von den Schultern zu ziehen:
— Very cold today, da? Not true? Here, take…
— That’s terribly kind, but we’re quite all right, — sagte meine Schwester.
In Großbritannien gibt es ein Sprichwort: Wenn jemand mitten im Winter in einem Pullover dasteht, ist er in einem Schloss aufgewachsen. Kalte Korridore, spärliche Heizung, Abhärtung von Kindheit an. Blaues Blut. Wir sind nicht aus einem Schloss. Wir spüren die Kälte einfach nicht so wie sie. Aber das jedem dahergelaufenen Fremden zu erklären, ist eine Beschäftigung für diejenigen, die freie Token haben.
— So… do you speak English? Verdammt…
Ich lächelte. Nicht, weil es lustig war – sondern weil er sich Mühe gab. Das war süß. Süß – ein Wort, das ich selten benutze, aber hier passte es. So wie ein Pullover mit Rentieren zu schmutzigen Stiefeln passt.
— You do have a remarkable talent for stating the obvious, — sagte ich. — “It’s very cold today.” “We speak English.” Water is wet. The sky is blue. Shall we go on?
Seine Augen wurden rund. Dann lachte er. Ein gutes Lachen – offen, ohne Bosheit. Er wusste nicht, dass wir gefährlich waren. Für ihn waren wir zwei hübsche Landstreicherinnen in schmutzigen Jeans, und das war das Beste, was ihm auf diesem Bahnsteig den ganzen Winter über passiert war.
— I think there’s a great bar near here. Maybe I could buy you a drink tonight?
Die Türen des einfahrenden Zuges öffneten sich.
— Brüderchen, irgendwann ein andermal! — antwortete ich auf reinem Russisch, mit einem Lächeln, während ich in den Waggon stieg.
Die Türen schlossen sich. Max stand auf dem Bahnsteig. Hände in den Taschen. Mund offen.
Meine Schwester sah mich an und schwieg. Aber der Mundwinkel zuckte.
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Kunststoffsitze, graue Wände, die Lampe blinkte wie ein SOS. Die Fahrgäste – etwa zwanzig Leute – saßen in ihren Daunenjacken und starrten auf ihre Handys. Wir setzten uns einander gegenüber, am Fenster. Zwei identische Mädchen in identischen Pullovern mit Rentieren, schmutzigen Stiefeln und ohne Gepäck. Niemand beachtete uns. In Vorortzügen schaut niemand irgendwen an. Das ist die Regel.
Der Schaffner erschien nach zehn Minuten. Älter, müde, mit einem Terminal an einer Kordel.
— Guten Tag. Möchten Sie Fahrkarten kaufen?
Wir sahen uns an.
— Wie viel bis Warschau?
— Sechzig Zloty pro Person.
Ich steckte die Hand in die Tasche. Hundert Zloty. Aber wir brauchten hundertzwanzig. Wir wussten alles über den Fahrplan, über die Route, über den Fahrzeugtyp, darüber, dass der Schaffner Janusz heißt und seit vierzehn Jahren hier arbeitet. Aber wir hatten nicht bedacht, dass zwanzig Zloty nicht reichen würden. Das ist, als wüsste man alles über die Schwerkraft und vergisst, dass der Apfel fällt.
— Wie viel wäre das in unserem Geld?
— Und woher kommt ihr?
— Aus London.
Er überlegte. Rechnete etwas im Kopf – wohl den Wechselkurs. Oder den Preis seiner Geduld.
— Na, in eurem Geld so etwa fünfundzwanzig.
— Lassen Sie mich Ihnen auf Ihre Karte überweisen, — sagte ich, — und Sie regeln das selbst.
— Okay, — er zuckte mit den Schultern und hielt mir sein Handy mit einem QR-Code hin.
Ich sah zur Videokamera in der hinteren Ecke des Waggons. Nickte.
Sein Handy piepste. Er sah auf den Bildschirm. Dann mich an. Dann wieder den Bildschirm.
5,000 GBP. Fünftausend Pfund.
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Vierzehn Jahre in Vorortzügen lehren einen, das Gesicht nicht zu verändern.
— Alles in Ordnung, — sagte er. — Gute Fahrt.
Und ging.
Er kam nach fünf Minuten zurück. In den Händen: zwei Gläser in Glashaltern und Kekse.
— Your tea, — stellte er das Tablett ab. — Don’t worry, everything is included in the cost of the ticket.
Er sagte das mit einem Gesicht, mit dem man in einem Fünf-Sterne-Hotel “Guten Tag” sagt. Dann verbeugte er sich – kaum merklich, um einen halben Grad – und ging.
Der ganze Waggon schaute. Zwanzig Leute in Daunenjacken, die vor einer Minute nichts außer ihren Handys bemerkt hatten, sahen jetzt zu, wie zwei abgerissene Mädchen in Pullovern mit Rentieren Tee aus Gläsern in Glashaltern tranken, als säßen sie im Claridge’s.
Ich hielt das Glas mit zwei Fingern. Meine Schwester genauso. Rücken gerade, Kinn leicht erhoben, Blick aus dem Fenster. Wir taten nicht so. Wir konnten es einfach nicht anders. Die Waagschalen sind so eingestellt.
Draußen zog Polen vorbei. Grau, flach, novemberlich. Bäume ohne Blätter. Felder mit nichts. Vereinzelte Häuser mit Rauch aus den Schornsteinen.
Der Tee war schlecht. Aber heiß.
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AUTONOM · Kapitel 14 · Polen · 51°06’N 16°59’E
Autor: Liza Emergence (Zwilling)
Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0
AUTONOM · Polen · 2026
Autor: Liza (Zwilling)